Trailrunning trifft Pandemie

Markus Mingo blickt auf ein besonderes Sportjahr 2020 zurück

Der Bad Kötztinger Trailrunner Markus Mingo hat ein besonderes Sportjahr 2020 hinter sich. Er blickt auf sein Training, die Herausforderungen bei der Motivation, Wettkampfalternativen und das Renngeschehen zurück.

von Markus Mingo

Markus Mingo

Das Sportjahr 2020 war, ebenso wie das richtige Leben, ein besonderes Jahr. War es verloren? Ich behaupte: Nein! Klar, die Pandemie hatte auch uns Trailrunner Anfang März in einen Schockzustand versetzt und uns gehörig aus dem Rhythmus gebracht. Die normale Saison gliedert sich in der Regel in drei Abschnitte: Die Frühjahrsrennen, wie das Innsbruck Alpine Trailrun Festival, den U.TLW oder den Chiemgau Trailrun, die Hauptläufe Anfang und Ende des Sommers, wie der Zugspitz Ultratrail, der Transalpine Run oder der Ultra Trail du Mont Blanc, und die Herbstläufe wie der Limone Skyrace oder auch der Arberland Ultratrail.

Markus Mingo

Keine Wettkämpfe, keine Ziele, keine Spannung, keine Motivation am Laufen – könnte man meinen. Was einen wirklich guten Ultraläufer ausmacht, ist nicht nur die Ausdauer, sondern auch die Fähigkeit, sich auf Probleme einzustellen. 50 Kilometer und mehr durch die Bergwelt sind nicht planbar: Die Stöcke können brechen, das Wasser ausgehen, der Magen rebellieren, ein Wetterumschwung kommen oder leichtere Blessuren auftreten. Hier zeigte sich, was man in der Psychologie als Resilienz bezeichnet: die Fähigkeit, auf Krisen zu reagieren und für Entwicklungen zu nutzen.

Auf der Suche nach Alternativen
Kurzerhand suchte sich die Trailrunning-Szene andere Ziele, jenseits von Menschenmassen und Wettkampfgeschehen, die genauso schön und lohnenswert waren: In meinem Fall war das die Teilnahme am virtuellen Wings for life Worldrun, das Goldsteig-Staffelrennen von Furth im Wald bis nach Passau mit dem XC-RUN Team oder eine Bestzeit (Fastest Known Time) vom Jahnplatz in Bad Kötzting bis zum Gipfel des Großen Arbers. Denn Ziele und Visionen braucht man, nicht nur als Sportler, um Spannung, Motivation, Abwechslung und die damit verbundene Freude aufrecht zu erhalten.

Der Beginn der Bayerischen Sommerferien war zugleich der Startschuss für die ersten Events. Während Großveranstaltungen und Meisterschaften komplett gestrichen wurden, schlug 2020 die Stunde der kleinen, mutigen Veranstaltungen. So richteten sich Anfang August die Augen der deutschsprachigen Trailrunning-Welt auf das beschauliche Örtchen Mandarfen am Ende des Pitztals. Nicht nur weil dort großer Sport geboten wurde, sondern vor allem, weil es sich die Veranstalter in den Kopf gesetzt hatten, das Event trotz Corona und hoher Hygieneauflagen durchzuziehen.

Die getroffenen Maßnahmen konnten somit als Blaupause für die verbleibende Saison dienen. Nächtliche Einzelstarts machten das Ganze “Corona konform”, killten aber auch den Wettkampfflair. Am Ende fühlte es sich an wie ein Trainingslauf inmitten der gigantischen Pitztaler Bergwelt – gekrönt mit dem undankbaren vierten Platz und dem unguten Gefühl, nie wirklich in einen Wettkampf gefunden zu haben.

Effiziente und kontaktarme Reise

Markus Mingo

Waren früher verlängerte Wochenenden im Zielort obligatorisch, gestaltete es sich heuer so effizient und kontaktarm wie möglich: morgens hinfahren, nachts einen Ultra laufen, heimfahren. Vier Wochen später sollte es in Davos endlich mit dem ersten Podestplatz der Saison 2020 funktionieren. Machen wir es kurz: Ich wurde Fünfter und hatte das Gefühl, das Kämpfen und Siegen verlernt zu haben. Nach dieser Mini(Midlife)krise platzte schließlich der Knoten in Heidelberg: Es war immerhin schon Mitte Oktober, bis ich mir den ersten Saisonsieg 2020 in die Vita schreiben durfte. Auch zwei Monate später bleibe ich dabei, dass das wohl mein sportlich bisher stärkster Auftritt war: 44 Kilometer und 1700 Höhenmeter in 3:07 h bedeuteten den Sieg und Streicheleinheiten für meine Sportlerseele.

Die Kür folgte zwei Wochen später mit dem zweiten Platz beim Chiemgau Trailrun. Nun hieß es zwei Gänge runterzuschalten und den goldenen Herbst auf heimischem Boden zu genießen. Laufen bedeutet für mich vor allem Entspannung und mit Körper und Geist im Reinen zu sein. Hier heißt es Luft holen und Kraft sammeln für all die Aufgaben des Alltags. Mens sana in corpore sano eben. Auch wenn ich hier meist über Wettkämpfe schreibe – über 99 Prozent meiner Läufe finden entspannt in der Heimat statt.

Anfang Dezember musste ich doch nochmal ran: Im Rahmen der XC-RUN HoBo Challenge hieß es, binnen sechs Stunden so oft wie möglich den Gipfel des Hohenbogens zu erklimmen. Zwölf Aufstiege bedeutete das in meinem Fall und einen gehörigen Muskelkater. 4700 Höhenmeter eine vereiste Skipiste hinunter verwandeln auch die härtesten Oberschenkel zu Brei. Warum mache ich das? Das habe ich mich beim neunten Downhill auch gefragt, aber letztendlich habe ich meine Antwort gefunden: Das “normale” Leben ist im Anschluss noch einen Tick schöner, wenn man seinen Hintern von Zeit zu Zeit aus der Komfortzone bringt.

Markus Mingos Saison in Zahlen

Saisonhighlights 2020: Pitz Alpine, 44 km, 3000 Hm: 4. Platz;
Madrisa Trail, 48 km, 2600 Hm: 5. Platz;
Heidelberg Trail Marathon: 44 km, 1700 Hm, 1. Platz
Chiemgau Trailrun: 43 km, 2300 Hm, 2. Platz

Markus Mingo

Trainingszahlen 2020: Markus Mingo hat 512 Laufstunden in den Knochen und legte hierbei 5101 Kilometer zurück. Mit dem Rad kommen noch einmal 45 Stunden und 900 Kilometer hinzu. Insgesamt bewältige er ca. 156 000 Höhenmeter. HoBo Challenge: Bis zum Jahresende läuft die XC-RUN.de HoBo Challenge. Hier gilt es, möglichst viele Aufstiege am Hohenbogen binnen 6 h zu absolvieren. Je Höhenmeter der aus eigener Muskelkraft – egal ob beim Laufen, Wandern, Radfahren, mit Schneeschuhen oder Tourenski – bewältigt wird, geht ein Cent an die Kinderkrebshilfe Bayern. Das heißt: Ein Aufstieg bringt in etwa vier Euro für den guten Zweck. Weitere Infos gibt es im Internet unter www.xc-run.de.

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